_Tschüss Winter! [Teil 1] Fahrbericht Mercedes-Benz C400 4matic

Der Winter ist vorbei. Endlich, hoffentlich, Platz machend für Sonne, Frühling und Sommerreifen. Wir werfen einen Blick zurück auf Schnee, Eis und quergestellte Räder. Den Anfang in unserer kleinen Serie macht der Fahrbericht zum Mercedes-Benz C400. 

Dieser Allrad-Benz hatte Dreier zum Frühstück

BMW Dreier, zieh dich warm an. Der Mercedes-Benz C400 gibt mit heckbetontem Allrad und feinem Sechszylinder die Fahrspaßmaschine im Limousinenzwirn. Unser erster Kontakt. Das Timmelsjoch auf der österreichischen Seite – Schweißperlen stehen auf der Stirn. Rinnsale stürzen von den Felswänden. Die Ötztalstraße schlängelt sich wie eine Bobbahn zum Pass hinauf. An beiden Seiten gesäumt von verkrusteten Schneewänden wird das Eis auf dem Asphalt immer rutschiger. Es sieht zwar nicht danach aus aber die Sonne treibt die Temperaturen auf gut 15 Grad Celsius. Das macht die Strecke unberechenbar. Weiße, angeraute Schneedecke und spiegelglattes Eis wechseln sich mit Asphalt ab, der in den überhöhten Kurven von kleinen Wasserbächen durchzogen ist. Perfektes Geläuf also für ein Allradauto? Fast – Denn an die eigenwillige Leistungsentfaltung der 333 PS im Mercedes C400 müssen sich Fahrer und Gasfuß erst einmal gewöhnen.

Drehfreude, Drehmoment und Dreh am Agility Schalter

Wer das elektronische Gaspedal digital bedient, wird analog Bekanntschaft mit der Kopfstütze machen. Der komplett neu entwickelte V6 birgt Kraftreserven, die auf den ersten vorsichtigen Metern nicht zu vermuten wären. Zunächst belassen wir das Auto über den Agility Select genannten „Fahrerlebnisschalter“ im Eco-Modus – BMW 3er lässt grüßen. Gasannahme, Lenkung und Fahrwerk geben sich gemütlich und auf Umweltetikette getrimmt. Die 7G-Tronic verschleift die Fahrstufen lässig und fast unmerklich. Der Comfort-Modus ergibt einen ähnlichen Fahreindruck. Allerdings ist die Automatik etwas wacher und schaltet spontaner zurück. Hier ist Mercedes ein sauberer Kompromiss aus Wirtschaftlichkeit und Fahrbarkeit gelungen. Die 8-Gang ZF Automatik, u.a. aus BMW 3er oder Jaguar XF bekannt, vermissen wir nur beim Rangieren. Denn hier muss die C-Klasse regelrecht festgehalten werden, das Anfahren bekommen wir partout nicht harmonisch hin. Parkmanöver in enge Lücken könnten so zur heiklen Angelegenheit für den Lack werden. Der Baby-Benz zeigt aber auch gerne sein zweites Gesicht. Im Sport- und noch deutlicher im Sport+ Modus werden Fahrwerk und Lenkung straffer, die Gasannahme fast schon übernervös. Das Drehzahlniveau fällt kaum noch unter 1.600 Umdrehungen in der Minute. Es ist genau das Level, bei dem der V6 sein maximales Drehmoment von 480 Nm erreicht. Entsprechend dramatisch weiß der BiTurbo Gaspedalbewegungen zu umzusetzen. Ansatzlos schiebt der V6 an. Vertrauen wir der Werksangabe, beschleunigt er die rund 1,6 Tonnen schwere Limousine in 5,2 Sekunden auf 100 Stundenkilometer. BMW liegt mit dem 335i xDrive etwa auf Augenhöhe (5,3 Sek.) während der 3.0 TFSI Quattro im Audi einen Wimpernschlag länger benötigt (5,9 Sek.).

Vier Räder und trotzdem kein Halleluja

Auf Schnee spielen aber andere Talente die erste Geige und lassen Werksangaben im Eisregen verblassen. Traktion für mehr Sicherheitsgefühl ist hier das Stichwort der Stunde. Der Ausbau der Allrad-Modellpaletten bei Mercedes und BMW zeigt, dass die Wünsche der Kunden immer mehr in Richtung vier angetriebener Räder gehen. Audi hat mit quattro vorgelegt. Das 4MATIC System im C400 arbeitet im Grundlayout mit einer permanenten Kraftverteilung von 33% zu 66% an Vorder- bzw. Hinterachse. Zusätzlich kann das ESP einzelne Räder einbremsen und das Heck zum Mitlenken bewegen. Leichter Gaseinsatz und gefühlvolles Bremsen: So steppt es sich im C400 mit Leichtigkeit über den verschneiten Pass, hat man erst einmal den Rhythmus gefunden. Doch wir haben das Gefühl, dass wir nicht das volle Potential abrufen. Die Bitte nach noch mehr Vortrieb quittiert der Allrad-Benz allerdings mit relativ plötzlichem Abreißen der Traktion. Das Heck schwenkt aus und wird rigoros vom ESP eingebremst, die Leistung weggeschnürt. Das ist sicher, lässt aber die Frage aufkommen, ob die 4matic ohne echte Differenzialsperren mit so viel Leistung überfordert ist. Wir lernen, dass ein sanfter Gasfuß und ein C400 im Comfort-Modus am Ende des Tages die Kombination ist, die uns zügig und sicher über winterliche Straßen bringt. Die schweißnassen Hände können am dicken Lederlenkrad trocknen, der Puls beruhigt sich genauso wie die sonore Stimme des Sechszylinders im Bug.

Optisch S-klassig, Ausstattung vielfältig

An der Grenze zu Italien oben am Pass angekommen wird es Zeit für eine Verschnaufpause. In aller Ruhe können wir uns dem Innenraum widmen. Die breite Mittelkonsole zitiert den Supersportler AMG GT. Indirekte Lichtleisten erweitern wie bei der S-Klasse optisch den Raum, deren detailverliebte Lichtvielfalt fehlt aber hier. Die Materialgüte im Innenraum ist hochwertig, bei der Verarbeitung hätten wir uns aber mehr Sorgfalt gewünscht. Knisternde Zierleisten und labile Kunststoffabdeckungen wirken angesichts des Basispreises von über 52.000 Euro fehl am Platze. Auch der Raumeindruck bleibt hinter den Erwartungen zurück. Audi A4 und BMW 3er wirken luftiger und fahrerorientierter. Was die C-Klasse allerdings gut macht: Auf den ersten Blick sieht alles beeindruckend aus. Die Burmester-Anlage, das große Panoramadach oder das iPad-ähnliche Comand-Display schmeicheln Auge und Händen, treiben den Preis aber noch weiter nach oben und Schweißperlen auf die Stirn der Käufer. Trotzdem: Der Motor im C400 schafft es mit jedem Gasstoß, einige dieser Macken vergessen zu lassen. So emotional war noch keine C-Klasse ohne AMG-Etikett, diese Direktheit konnte bisher nur BMW im Dreier.

Mercedes-Benz C400 4MATIC

_3.0 V6-Benziner (Geschmeidig oder mit Knall) _333 PS Leistung (Pulsschläge pro Minute) _480 Nm Drehoment (Mighty Power!!!) _7-Gang Automatic (mit Schaltwippen sortierbar) _250 Stundenkilometer Spitze (elektronisch gekorkt) _0 – 100 km/h: 5,2 Sek (Boom!) _Trinkt ca. 12 Liter (im nicht gerade zimperlichen Test) _1.645 kg Leergewicht – Schwergewicht mit 4matic _Preis: ab 52.241 Euro

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