_Vitamin C und CLA

[Berlin und Timmelsjoch, August und November 2014]

Ein Unterschied von zwei Jahreszeiten, 2400 Höhenmetern und trotzdem wagen wir uns an einen Vergleich aus der Ferne. Herzlich willkommen zu den Sitzproben im CLA Shootingbrake und im C-Klasse T-Modell von Mercedes-Benz.

Für einen echten Vergleich der beiden neuen Kombis am Mittelklasse-Sternenhimmel ist es eigentlich noch zu früh. Das T-Modell der C-Klasse ist noch nicht richtig im Straßenbild angekommen. Bis wir die ersten Exemplare des CLA Shootingbrake in freier Wildbahn erleben dürfen, blühen draußen schon die ersten Blumen und Bäume. Denn im Frühjahr 2015 wird der A-Klasse Kombi auf die Kundschaft losgelassen.

Aber mal ganz von vorne. Die Mercedes A-Klasse vollzieht mit ihrer Neuauflage einen der größten Designbrüche der jüngeren Autogeschichte. Weg vom hochbeinigen Elefantenrollschuh mit Sandwichboden – der nebenbei bemerkt ohnehin nie wirklich genutzt wurde – hin zum sportlich flachen Rentnerschreck. Was beim Hatchback begonnen wurde, führen die Designer aus Stuttgart in konsequenter Manier auch beim Nischenauto CLA weiter. Als viertüriges Coupé soll er die Erfolgsgeschichte des CLS in der Mittelklasse fortführen. Als sportlicheres, jüngeres und auch günstigeres Gegenstück zur vermeintlich biederen C-Klasse fällt er sofort auf.

Die überraschend aggressive Formensprache nimmt Mercedes nun als Basis für einen Shootingbrake. Per Definition ist das eigentlich ein Fuhrwerk, das nur einen besonderen Zweck zu erfüllen hat. Junge, ungestüme Pferde sollten mit den leichten Wagen erzogen und zu Arbeitstieren ausgebildet werden (break). Wurde diese kompakte Kutsche gerade nicht gebraucht, setzte man sie zur Jagd ein (Shooting). Später nutzte man den Begriff für zweitürige Autos mit Steilheck – bis Mercedes Ende 2012 den CLS Shootingbrake auf die Räder stellte.

Das gleiche Rezept kochen die Stuttgarter nun auch in der Kompaktklasse. Oder wohl eher in der Mittelklasse. Mittelklasse? Ja richtig gelesen. Die Höhenluft am Timmelsjoch hat uns keinen Floh ins Ohr gesetzt nur weil wir auf die Idee kommen, eine C-Klasse mit dem neuen Familienmitglied der A-Klasse zu vergleichen. Mercedes spricht selbst davon, verstärkt auf die „Businessklasse“ zu setzen. Wir vermuten, dass damit vor allem Geschäftskunden gemeint sein dürften, die nicht immer nur Passat und Co. fahren wollen.

Das Mercedes C-Klasse T-Modell ist ein bisschen länger als der CLA Shootingbrake (4,70 m zu 4,63 m). Unser Eindruck vom Innenraum bestätigt die Vermutung, dass die sieben Zentimeter vor allem auf der Rückbank fehlen. Schmale Türeinstiege und kurze Beinauflagen lassen den Fond des CLA nicht sonderlich gemütlich wirken. In der C-Klasse sitzt es sich in zweiter Reihe deutlich entspannter. Das gilt im Übrigen auch für die nicht eben üppige Kopffreiheit.

Wir wollen auch nicht verheimlichen, dass der Innenraum der C-Klasse hinsichtlich der Verarbeitung einen deutlichen Vorsprung gegenüber dem CLA hat. Scharfkantige Kunststoff-Flächen an Stellen, wo man selten hinfasst und eine stark nachgiebige Blende rund um die Tacho-Einheit verstärken den Eindruck im CLA. Allerdings hat der etwas, womit die C-Klasse auch mit Ausstattung nicht punkten kann: Leichtigkeit. Die Interior-Designer haben dem CLA einen präzise maßgeschneiderten Innenraum verpasst. Die dünnen Schalensitze sind ein Augenschmaus an Leichtigkeit und dürften nur Menschen mit Hüftgold zwicken.

Wer sich einen CLA Shootingbrake in die Einfahrt stellen will, hat aber völlig andere Prioritäten als Nutzwert oder perfekte Verarbeitung bis zur letzten Fuge. Der Karren muss etwas hermachen und schon im Stand Spaß versprechen. Selbst die Motorisierung spielt nicht die alles entscheidende Rolle beim Kauf. Dass moderne Autos wenig verbrauchen und trotzdem ausreichend Kraft in allen Lebenslagen haben, gilt als selbstverständlich. Wer täglich zur Rennstrecke fährt, schaut sich ohnehin nach anderen Autos um. Da muss es weder T-Modell noch Shootingbrake sein.

Wir sind uns sicher, dass der CLA den Händlern förmlich aus den Händen gerissen wird. Er passt perfekt ins Zeitgeschehen. Sein Design ist ein bisschen frech ohne den Bogen völlig zu überspannen. Dennoch ist der Nutzwert gerade noch gut genug, um in den Masterplan einer jungen Familie zu passen. Er drückt etwas aus, ist expressiv und birgt Raum für Hobby und Freizeit. Die C-Klasse kann das alles auch. Ihr fehlt aber ein wenig der Faktor der – sagen wir es einfach mal, wie es ist – Angeberei. Sie eifert nicht so sehr nach Aufmerksamkeit. Sie ist gelassener, entspannter und erwachsener als der CLA Shootingbrake. Der ist dafür auch nach zwei Jahreszeiten und bei wenig Sauerstoff auf 2509 Meter Höhe noch aufregend.

Bilder: Daimler & schwerunterwegs

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