_Ein Tag am Meer.

Es gibt nichts zu verbessern nichts was noch besser wär‘ außer Dir im Jetzt und Hier und dem Tag am Meer und dem Tag am Meer*

*Ein Tag am Meer von den Fantastischen Vier lässt uns Träumen. Von unendlicher Weite, rauschenden Wellen, kreischenden Möwen, Fischbrötchen und einer ganzen Ladung Sonnenlicht. Nehmen wir uns kurz Zeit für einen Rückblick. Es ist Frühling 1987 und wir sind in Berlin. In zwei Jahren wird die Mauer fallen, die dieser Stadt die Luft zum Atmen nimmt. Davon ahnen die Menschen noch nichts. Und trotzdem haben sie im Westen den Traum, von jetzt auf gleich ans Meer zu fahren. In einem Auto, das die Menschen im Osten nur vom Hörensagen kennen.

Heute sind beide Seiten vereint. Und wir können in einem 87er 190E Mercedes-Benz einfach so ins Blaue fahren, als wäre es die einfachste Sache der Welt. Das Schiebedach ist offen. Der Fahrtwind weht den Frühling durch die Fenster und der Vierzylinder schnurrt entspannt vor sich hin. Als hätte er schon alle Geschichten erzählt, die er in 26 Jahren erlebt hat. Damals ein Schock für die Mercedes-Fans wurde er als zu modern empfunden. Kein Bling-Bling, kein Chrom, keine aufrechten Linien. Stattdessen eine strömungsoptimierte Karosse mit viel Plastik. Heute sprechen wir von einer klassischen Mercedes-Limousine, die immer noch so fährt wie am ersten Tag. Wir steigen ein, drehen am Schlüssel und lassen die Pferde galoppieren.

Fünf Stunden dauert die Tour von der Hauptstadt nach Karlshagen auf Usedom. Der 190er und ich müssen erst einmal Vertrauen aufbauen. Das weiche Fahrgefühl vermittelt Charme und hat etwas von Großmutters Sofa. Es schunkelt und schippert wie ein alter Fischkutter. Richtungsänderungen nimmt der Benz wie durch einen Nebelschleier entgegen. Kurz: Mit der Lenkung rührt man im Kuchenteig und die Dämpfer tanzen Walzer wie beim Wiener Opernball.  Es ist einfach ein völlig anderes Autofahren, als ich es von modernen Autos gewöhnt bin. Eine Blockade im Kopf muss erst einmal gelöst werden, bevor ich das Gleiten und die Entschleunigung so richtig genießen kann.

Sezieren von Kurven wie Fischer ihren Fang nach der Anlandung ist nicht eben die Stärke des 190ers. Auch der Motor brennt kein Feuer der Leistungsleidenschaft ab. Aber mal Hand auf’s Herz. Es passt zusammen. Das Auto beteuert auf ganzer Linie seine Ehrlichkeit. Der Zweiliter Vierzylinder ist an Laufruhe kaum zu übertreffen. Da können sich tickernde Direkteinspritzer der Neuzeit mal eine Kurbelwellenumdrehung von abschneiden. Auch die Schaltung flutscht in ihren vier Gassen mit einer Leichtigkeit und Präzision, dass ich gar nicht mehr darüber nachdenke, wie der 190er am besten zu fahren ist. Sondern ihn einfach rollen lasse. Und ganz genau ab diesem Moment wird Autofahren zum Genuss.

Auf einer schmalen Insel wie Usedom ist das natürliche Jagdrevier eines Autos etwas eingeschränkt. Keine endlosen Straßen, keine spektakulären Kurvenkombinationen und selten treffen wir auf so samtig verlegte Asphaltbänder wie auf der renovierten B111/110. Aber mal ganz ehrlich: Fahren auf der letzten Rille steht einem alten Bügeleisen wie dem 190er so gar nicht zu Gesicht. Das Wesen erkennt man dann, wenn man es ruhig angehen lässt. Sanft starten, zweiter, dritter, vierter Gang schon bei Ortsgeschwindigkeit und dann einfach ab mit dem Kahn. Der samtige Saugmotor erledigt mit seiner ordentlichen Elastizität den Rest.

Auf dem ehemaligen Militärflugahfen nahe Peenemünde entdecken wir bei unserer Inseltour eine kleine Rennstrecke. Motorenlärm ist keiner zu hören. Handwerker am Empfangsgebäude bereiten im Takt hämmernd die Saison vor. Sonst ist es verdächtig still. Als würde gleich ein Sturm losbrechen. Mir kommt der 190er EVO in den Sinn. Die einzige Pommestheke mit Straßenzulassung gehörte in den Jahren der deutschen Wiedervereinigung zu den schärfsten Sport-Geräten aus Stuttgart. Der 190 AMG aus Affalterbach kam erst 1992. Mit knapp 200 PS aus einem aufgebohrten Vierzylinder bei nur 1200 kg Trockengewicht stellte Mercedes einen echten Rennsportler zu Homologationszwecken für die DTM auf die Breitreifen. Kein Jahr später gab es noch einmal Nachschlag. Mit 240 PS an der Hinterachse flog man mit bis zu 250 Sachen dem Horizont entgegen.

Das muss ein irres Gefühl gewesen sein. Ich kann mir diese Leistungsexplosion nur schwer vorstellen. Als 190E geht der Baby-Benz so sachte zu Werke, dass für ihn das Wort Sänfte erfunden worden sein muss. Der 118 PS Saugmotor reißt nirgends irgendwen vom Hocker. Weder klanglich noch krafttechnisch ergeben sich spannungsgeladene Autofahrermomente. Er ist ein Leisetreter für unseren immer schneller werdenden Alltag. Wer auf der Suche nach einem unkomplizierten, entspannten und sparsamen Begleiter ist, sollte sich auf die Suche nach einem gut gepflegten Exemplar machen. Denn er schafft, was viele Autos heute nicht mehr können: er lässt uns schmunzeln. Irgendwie.

Wie das? Na ganz einfach. Die deutsche Gründlichkeit macht sich in diesem Auto breit wie das Kunstleder an den Türverkleidungen. Es ist fast schon schrullig, wie passgenau Schalter und Bauteile ein fahrerfreundliches Cockpit ergeben. Alles sitzt genau dort, wo man es erwartet. 1987 wird der 190er schon fünf Jahre gebaut. Und diese Ausgereiftheit merkt man in fast jedem Winkel. Elektrisch einstellbarer Beifahrerspiegel, elektrisches Schiebedach, Fensterheber und digitale Radioanzeigen ebnen den Weg in die Moderne. Zwei Dinge hätte ich mir aber auch vor 26 Jahren schon gewünscht: Hinterleuchtete Rundinstrumente und mehr Sorgfalt bei der Wahl des Klebstoffs für die Türverkleidungen, die sich munter lösen. Unterwegs meldet das Auto nacheinander zuerst, dass es Kühlwasser, dann Motoröl trinken möchte. Wir tun ihm den Gefallen. Dann schnurrt er wieder und die Wartungsanzeigen bleiben blass.

Alles Luxusprobleme, denke ich mir. Immerhin fahren wir hier einen Mercedes, der seine Stärken und Schwächen charmant zu einem sympathischen Bouquet aus angehender Nostalgie und bodenständigen Tugenden zusammenbraut. Er hat das, was modernen Autos abhanden gekommen ist. Weil sie überall funktionieren müssen und möglichst viele Geschmäcker treffen sollen, geben sie sich rundgelutscht und charakterlos. Gesichtslosigkeit kann ich dem 190er nicht vorwerfen. Ganz im Gegenteil. Ich werde oft mit freundlichem Kennerblick gelobt und auf das Schätzchen angesprochen. Durchweg positive Resonanzen und die uneingeschränkte Alltagstauglichkeit lassen mich ins Grübeln kommen. Ein neues Auto muss es nicht sein. Für kleines Geld bekommt man echte Werte an die Hand, die nicht beim Verlassen der freundlichen Händlerräume verblassen.

Der Lack blättert, die Türverkleidungen lösen sich nach Jahren im Sonnenlicht. Es gibt keine Klimaanlage, keinen Airbag, kein ABS oder andere aktive Sicherheitssysteme. Aber das interessiert alles nicht. Weil der 190er keinen Hehl daraus macht. Er fährt die Patina eines kommenden Klassikers spazieren. Wir lassen die Türen satt ins Schloss fallen und die Welt da draußen kommt uns plötzlich einen Takt langsamer vor. Leise schnurrt der Motor und erzählt von einer Zeit des politischen Misstrauens und einem geteilten Deutschland. Im Mercedes anno 1987 von Berlin nach Usedom? Ein Ding der Unmöglichkeit. Die einen durften nicht, die anderen fuhren Trabant oder Wartburg. Heute haben wir diese Freiheit. Ein kostbares Gut, von dem wir nie genug bekommen können. Innerlich bin ich sehr dankbar und demütig, mit so einem Zeitzeugen unterwegs gewesen zu sein. Für zwei Wochen und einen Tag am Meer.
Mercedes-Benz 190E
_Baujahr 1987
_Vierzylinder Reihenmotor
_ 118 PS Leistung und 172 NM Drehmoment
_verbraucht ca. 8 Liter Superbenzin/100 Kilometer
_ca. 75.000 Kilometer Laufleistung
_braucht Öl, Wasser und einen neuen Keilriemen
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