_Wiesmann.

Flach liegt er da. Wie ein Raubtier, auf seine Beute lauernd. Er duckt sich auf den Boden und krallt seine Füße in den Asphalt. Die Räder stützen sich ab und sind zum Sprung bereit. Ein Wiesmann lebt.

Was war das für ein Paukenschlag damals auf der Essen Motor Show 1985. Es wurde eine Idee geboren und jede Menge Inspiration mitgenommen. Ein puristischer Roadster als Fahrmaschine zum Genießen. Das war das Konzept und so wurde es von den beiden Brüdern Martin und Friedhelm Wiesmann auch umgesetzt. Ein mit BMW-Technik garnierter Gitterrohr-Rahmen trägt eine fantastisch runde Karosserie, die mit jedem Blickwinkel interessanter zu werden scheint. Das sind genau die Eigenschaften, die einen Wiesmann bis heute auszeichnen.

Die zeitlose und schlichte Formensprache war zugleich anmachend und sexy. Und erst dieser Hintern. Hat man jemals so einen, verzeihen Sie mir die Wortwahl, messerscharfen Arsch an einem Fahrzeug gesehen? Vielleicht bei der Shelby Cobra. Aber die war nicht so fein sondern eher martialisch. So ein MF ist Sex für die Straße und ein Orgasmus für die Augen, der einem unweigerlich ein breites Grinsen ins Gesicht treibt.

Diesen wilden Mix aus Hüftschwung und Laszivität traut man der bodenständigen Münsterländer-Seele gar nicht zu. Doch im Laufe der Zeit wurde die Formensprache in Dülmen immer frivoler. Die Taile beim MF-3 und MF-4 baute schmaler, der Körper straffer und flacher, der Arsch noch runder und begehrenswerter. Dazu versteht ein Wiesmann sich exzellent zu kleiden. Perleffekt- und Mattlacke erfüllen jeden Kundenwunsch. Leder und Alcantara schmiegen sich ins Cockpit, das wie ein Maßanzug zum Fahrer ausgerichtet ist.

So muss ein Präzisionswerkzeug geformt sein. Keine überflüssigen Pfunde, keine funktionslosen Zierwerke schmücken die Glasfaser-Karosserie eines GT MF-5. Der kräftigste Spross aus der inzwischen recht umfangreichen Modellpalette schafft ein breites Einsatzspektrum vom viel zitierten Brötchenholen bis zum gepflegten Wochenend-Ritt über die Rennstrecke. Die Lenkung aus dem BMW M3 der letzten Generation ist in Sachen Rückmeldung und Feinfühligkeit über alle Zweifel erhaben. Der Vorderwagen ist endlos lang und nach vorn nur schwer einzuschätzen. Aber durch das verwindungssteife Monocoque sollen sich die einzeln aufgehängten BBS-Aluräder genau dort platzieren lassen, wo der Fahrer sie hinhaben möchten. Glaube ich auf’s Wort.

In dieser Hinsicht muss ich mich auf einschlägige Testberichte der „Sport-Auto“ oder „Auto-Bild“ verlassen. Denn einen Wiesmann zwischen die Finger zu bekommen, erweist sich als exklusives Vorhaben. Das ist einerseits zwar schade, aber letztlich ist speziell der MF-5 ein Auto, das von kundiger Hand geführt werden muss. Die brachiale Kraft eines BMW-M Triebwerks zu bändigen sollte schon gelernt sein. Da erweist sich die Anreise mit einem Fünfer schon als ausreichende automobile Ersatzdroge. Schon aus der Ferne grüßt die Werkshalle in Form eines riesigen Salamanders.

Das Einzigartige an der Manufaktur ist ihre Offenheit. Die Werksbesichtigung wird so zum ganz besonderen Erlebnis. Selbst ohne im Voraus gebuchte Führung haben die Mitarbeiter ein offenes Ohr für alle Fragen. Bis ins Erdgeschoss zur Fertigungsstraße gelangt man zwar dann nicht, aber auch von oben ist der Blick in die einzelnen Stationen sehr ergiebig. Erstaunlich, wie ein Wirrwarr aus Kühlschläuchen, Längs- und Querträgern, Stoßdämpfer, Kabelbäumen, und Alublechen das Fundament für einen aufregenden Zweisitzer bildet.

Die geniale Einfachheit des geklebten Monocoques lässt sich genauso beobachten wie die aufwendige „Hochzeit“ – das ist die Vereinigung der Motor-Getriebe-Einheit mit der Karosserie. Jedes Teil hat seinen Platz. Überall herrscht eine gesunde Mischung aus traditioneller automobiler Fertigungskunst und hoch professioneller Betriebsamkeit. So bekommt man eine Ahnung davon, welch großer Aufwand hinter einem Sportwagen wie dem Wiesmann steckt.

Selbst die längst nicht mehr gebauten MF-3 bekommen in der Manufaktur ihren Platz. Mit Werkstattplätzen für Wartung und Wiederaufbau ist in der Halle genug Raum für zusätzliche Individualisierungen oder andere spezielle Kundenwünsche. Ein Wiesmann soll zwar in erster Linie ein Genuss-Auto sein. Mit ihrer jüngsten Kreation, dem GT MF-4 CS, haben die Dülmener aber auch für Motorsportbegeisterte ein heißes Eisen im Feuer. Diesen ultraleichten Asphaltbrenner kann ich mir als perfekte Basis für ein GT3-Auto vorstellen, das in der VLN und beim 24h Rennen auf dem Nürburgring den Neunelfern, SLS AMG, R8 LMS, Z4 GT3 und Co. gehörig um die Ohren fährt.

Kleine Details machen die Feinheit und Leichtigkeit in der Formensprache von Wiesmann aus. Der ansatzlose Übergang der Frontstoßstange in den Kotflügel sei hier als Beispiel aufgeführt. Das habe ich in dieser Art bisher an noch keinem Auto gesehen. Die Exaktheit der Spaltmaße und die filigran modellierten Einbuchtungen für die Xenon-Scheinwerfer lassen die Karosse fast schon flüssig wirken. Dadurch ergeben sich je nach Blickwinkel immer wieder unterschiedliche Lackreflexe und sehr körperliche Spiegelungen der unmittelbaren Umgebung.

Warum sucht sich eine Sportwagen-Schmiede eine scheinbar so verletzliche Kreatur als Repräsentationsfigur aus? Mit welchen Eigenschaften kann ein Gecko punkten um die Fahrer eines Wiesmann mit Stolz auf das Emblem blicken zu lassen? Ganz einfach: Die Autos sind wahre Kurvenkünstler und krallen sich mit ihren Reifen regelrecht an die Straße, wie sonst nur ein Gecko mit seinen Saugnapf-Füßen an die Wand. Das Markentier von Wiesmann ist ein kräftiger kleiner Zeitgenosse mit starken Kletterfähigkeiten und einer präzisen Körperbeherrschung.

Im Sommer 2013 schienen die Tage für Wiesmann gezählt. Beim Amtsgericht Münster wurde ein Insolvenzantrag gestellt. Inzwischen hat sich aber ein neuer Investor gefunden. Oder ein alter ist wieder eingestiegen. Oder ein Scheich hat Lust auf Autos…oder, oder, oder. Das ist eigentlich auch egal. Wichtig ist, dass die Geschichte von Wiesmann weiter geht. So viel gestalterischer Mut und ingeniöse Schaffenskraft gehört belohnt. Die Zeit von Wiesmann ist noch lang nicht abgelaufen. Mein Traumauto habe ich gefunden.

Wiesmann GT MF5

4.4 Liter V8 Turbomotor
555 PS und 680 NM
3.9 Sekunden 0-100 km/h
309 km/h Spitze
6-Gang Sportautomatik mit Schaltwippen am Lenkrad
Vollvariables Sperrdifferenzial
Fahrgastzelle in Monocoque-Bauweise aus Aluminium
Karosserie und Anbauteile aus glasfaserverstärktem Kunststoff
1470 kg Leergewicht
Sportsitze und Cockpit mit Ausstattung nach Wunsch. Alcantara oder Leder.

Wiesmann Roadster MF4

4.4 Liter V8 Turbomotor
407 PS und 600 NM
4.6 Sekunden 0-100 km/h
291 km/h Spitze
6-Gang Sportautomatik mit Schaltwippen am Lenkrad
Vollvariables Sperrdifferenzial
Fahrgastzelle in Monocoque-Bauweise aus Aluminium
Karosserie und Anbauteile aus glasfaserverstärktem Kunststoff
1455 kg Leergewicht
Sportsitze und Cockpit mit Ausstattung nach Wunsch. Alcantara oder Leder. Aluminium oder Carbon.

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