_Ein Berliner Herbst.

Berlin ist im Herbst nicht anders als andere Städte. Kein bisschen. Wer das behauptet ist Tourist oder Mitte-Hipster mit laktoselosem Biomilchschaum Latte Macchiato Oberlippenbart. Achtuuuuunng, Obacht! SchubladenDenkMechanismus. Schaust du in die Ferne oder achtest aufs Detail? Denkst du an morgen oder an das gerade Jetzt? Hast du keine Zeit oder nimmst du sie dir? Es kommt wie in allen wichtigen Belangen auf die Sichtweise an. Die Perspektive gewissermaßen. Machen wir doch aus Berlin mal eine „Sie“. 

Das macht es einfacher, Berlin, ich meine „Sie“ zu beschreiben. Einen Gegenstand oder einen Ort zu personifizieren hat dann wiederum den Vorteil, dass Stereotypen angewandt werden können. Es gibt sie, diese stilprägenden Käuze, die über die Straßen wandern und dabei ihr Antlitz in den Fensterscheiben spiegeln. Scheinbar saugen die Fenster diese Typen auf wie ein Schwamm und geben sie wieder frei.

Langsam Tropfen für Tropfen kommt so ein Bild der Stadt zustande. Ein glorifiziertes architektonisches Kleinod auf weiter Flur in der märkischen Heide des Brandenburger Landes: Berlin. Sie trägt ihr Kleid (die Häuser)stolz mit den Flecken auf der Brust als Zeugen der durchzechten Nächte. Ihre Schuhe (die Straßen) sind unbequem und ständig unterwegs, woanders, nicht aufzutreiben (die Baustellen). Bei ihren Kindern setzt sie klare Prioritäten: Die Großen dürfen mit den großen spielen, die kleinen mit den Kleinen. Bobbycars.

Manchmal tickt sie auch etwas aus. Durch den unhumanen MauerparkGuckenFreizeitStress und die anstrengenden Proteste gegen das Kapital muss ein seelenreinigender Ausgleich geschaffen werden. Die Kreativität kennt keine Grenzen. Ein Bauschutt-Container wird zum Projekt. Dann legt sie los. Ungestüm, wild, mit sicherem Strich vollzieht sie das Ziehen des Eddings auf dem blanken Metall. Quuiieeeeetschhhh….tscht….Sie hat den Stift fest im Griff. Packt ihn an. Quetsch ihn aus. Er blutet. Und da lacht ihr Gesicht.

Wenn Berlin Hunger hat, wird international gespeist. Falafel, Gemüse Kebab, Köfte, Sandwich, Toast mit Salami und Ei. Ein Streifzug durch die Spätis braucht eine Grundlage. Ohne die geht es nicht. Und weil dem Besetzerhaus gerade vom fiesen Kapital der Strom und das Gas abgedreht wurde, wird kurzerhand der SecondHandHerd auf dem Flohmarkt veräußert. Kochen ist sowieso nicht so ihr Ding. Außer Plinze. Also Pfannkuchen. Die gehen klar. Aber nicht die Pflaumengefüllten, dicken Dinger, die außerhalb Berlins Berliner heißen, sondern die aussehen wie ein doppelt Crepès. Nur nicht so französisch. Weißte? Bescheid!

Draußen ist die Luft frischer. Merkt Berlin und macht sich auf, ihrer gescholtenen Lunge etwas Gutes zu tun. Der Streifzug durch Wälder, Wiesen und nah am Wasser zeigt ihre vielfältigen Reichtümer an ökologischem Kleinod. Das Laub knistert unter den Füßen, Schlamm schmatzt, Holz knarzt und es duftet frisch feucht von allen Seiten.

Das Wasser glitzert. Die Boote schwanken. Das Ufer drüben liegt voller Ruhe da als würde es schlafen. All das sind ihre Kinder. Kleine Szenen in der rauen Verkleidung einer anonymen, grauen Persönlichkeit, die sie auf den ersten Blick zu sein scheint. Doch Sie, also Berlin passt in keine Schublade. Genausowenig wie andere Städte in irgendeiner Form zu klassifizieren sind. Deshalb ist Berlin wie jede andere Stadt im Herbst auch. Ein Kosmos für sich. Mit fließenden Grenzen. Und wunderbar anziehend, sobald die Menschen hinter den Fassaden erkennbar werden.

Und wer sich jetzt als Berliner, Pfannkuchen, Touri, Zugezogener oder Mitte-Hipster mit laktoselosem Biomilchschaum Latte Macchiato Oberlippenbart in den ausgehärteten Hundehaufen gelaufen fühlt, fängt bitte noch einmal von vorne an zu lesen. Und versteht, was ich meine. Falls nicht: Ich bin Brandenburger, ich darf das. Weil auf den Alleen so viele bunte Blätter fallen. Im Herbst.

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