_Nachts im Jaguar.

Die Aura eines Jaguar XF-S ist schon eine sehr speziell. Es ist schwer in Worte zu fassen, wie ein schlichter Gebrauchsgegenstand Emotionen auslöst. Es sind gute und böse Gedanken, die Menschen mit einem Auto verbinden. Es ist ein Statussymbol für Autofanatiker die damit ihre Persönlichkeit zum Ausdruck bringen. Die Neider und Umweltaktivisten (Also VW Bulli und Toyota Prius-Fahrer) rümpfen die Nase beim Anblick einer solchen Skulptur. Ein Jaguar polarisiert. Er hat Charakter und spaltet die Massen der Verkehrsteilnehmer. Und hat deshalb eine eklatante Schwäche, die eigentlich gar keine ist. Zu kompliziert? Nicht doch.

Von vorn. Um ein Auto zu emotionalisieren muss es vermenschlicht werden. Ist der Jaguar nun männlich oder weiblich? Eigentlich ist der Jaguar eine Raubkatze, die auf Samtpfoten ihe Beute erlegt. Also eine Sie. Doch dieses Exemplar hier ist so traditionell maskulin wie es nur irgendwie geht. Eine Symbiose aus Sean Connery und Daniel Craig, Muhamed Ali und Vitaly Klitschko, Juan Manuel Fangio und Dirk Müller.  Und deshalb steht hier eindeutig ein männliches Auto vor uns. Antike automobile Eleganz gepaart mit brachial sehniger Linienführung, wie es sie bei Jaguar vorher nie gegeben hat. Man fällt damit auf. Und wie.

Ob es nun an dem  etwas flehenden Blick der Scheinwerfer liegt, der den Leuten draußen sagt: „Seht mich an. Ich brauche Aufmerksamkeit. Ich will im Mittelpunkt stehen.“ Oder schlicht an der außerordentlich stattlichen Erscheinung. Dann ist da noch dieses satte Schwarz des Lackes und der Räder, der pfeifend basslastige Klang aus dem Auspuff und die Feingliedrigkeit des Kühlergrills….Nein. Anders. Ich habe eine Vermutung. Man schwebt irgendwie über den Dingen und einige Leute draußen scheinen einem das zu missgönnen. Wenn man im XF Platz genommen hat und die Tür hinter sich satt ins Schloss zieht, kapselt sich die Welt ab. Der Fahrer bekommt das Elend auf der Straße in Watte auf einem Chromtablett serviert. Der Jaguar schnurrt ganz leise und scheint dabei zu fragen, welches Opfer er als nächstes erlegen soll.

Das läuft dann anders als gewohnt ab. Während in einem anderen Auto der Überholvorgang regelrecht erzwungen werden muss, das Reißverschlussprinzip vor Baustellen wegen Ignoranz nicht funktioniert und in der Stadt auf Vorfahrtstraßen keine Vorfahrt gewährt wird, klappt das im Jaguar ohne Zimpern. Die anderen Auto schleichen um die Raubkatze herum, als wäre sie in ihrem eigenen Kosmos. Jederzeit zum Sprung bereit. Immer angrifflustig. Aber – und das ist das eigentlich Faszinierende – nur wenn der Dompteur am Volant die Marschrichtiung entsprechend vorgibt. Denn der Jaguar hat zwei Gesichter.

Und hier schließt sich der Kreis. Durch dieses nicht in Worte zu fassende Ausstrahlung wird man beäugt: An einer Ampel in Berlin stehend dreht jeder zweite Kopf. Der zeigt dann aber keine Anerkennung, sondern hochgezogene Augenbrauen. Der einzige Gedanke tendiert zu: „Bloß weg hier.“ Der anschließend etwas flotter angegangene Ampelstart wird mit einem verachtenden Kopfschütteln quittert. Völlig egal. „You need balls to drive this car.“ Ich weiß.

Als einfach nur schön empfinde ich die Tonlagen, die das Herz unter der Haube beherrscht. Von grummelig hungrig bis zum Haiakiri bei höheren Umdrehungen. Auch hier finden sich die zwei Gesichter. Ich stelle das ausfahrbare Drehrad für die Automatk auf D, lupfe die Bremse und die vier Räder setzen sich leise und gelassen in Bewegung. Ganz sachte als hätte ich eine Feder hinters Pedal geklemmt, die nicht zerknittert werden darf. Ich kann das Rad aber auch eine Stufe weiter drehen und dann geht der Jaguar wie von der Tarantel gestochen. Die Drehzahl wird gehalten, wenn es in den Begrenzer geht Die Schaltvorgänge erledigen sich per Schaltwippen. Zapp-Zapp-Zapp-Ratzepeng! Die Bremse hat auf einmal einen giftigen Gegendruck. Genauso gefällt mir die nochmal direktere Lenkung.

Ein Gedicht. Eigentlich. Aber ich habe eingangs schon erwähnt, dass dieses Auto auch einige Schwächen hat. Klar könnte ich jetzt hier ins Detail gehen. Zum Beispiel gehört es sich nicht für ein Auto in dieser Preisliga einfach nicht, dass die Armablage in der Tür knarzt. Permanent. Oder der 10-fach verstellbare, etwas schrullige Wischerhebel. Das alles ist nicht so wichtig. Denn der Jaguar war in seinem jungen Autoleben schon arg gezeichnet von Neidkratzern. Motorhaube und beide Seiten zeigen Lacknarben. Am Morgen der Rückgabe war ich zugeparkt – Von Mülltonnen, die fein säuberlich je eine Handbreit vorn und hinten am Nummernschild abgestellt wurden. Dazu hat sich dieser Scherzkeks noch die Mühe gemacht, meine Spiegel zu verstellen. Gut. Ich könnte da drüber stehen. Dank Memoryfunktion stellen sich die Dinger per Knopfdruck in die präferierte Position. Aber das möchte ich nicht jeden Morgen machen. Ich möchte mein Auto nicht unter ein Schutzprogramm stellen, damit ich ruhig schlafen kann. Ich habe keine Lust auf neu lackierte Blechteile alle paar Monate. Und genau das ist leider die größte Schwäche des Raubkaters. Er hat kein bescheidenes Tarnkleid für den urbanen Alltag.

Wie das geht? www.hertz.de

Jaguar XF-S
3.0 V6 BiTurbo Dieselmotor
275 PS
250 km/h (abgeregelt)
8-Gänge
www.jaguar.de/xf

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