_Wir wollten es so.

Ungeheuerlich abenteuerlich. Langweilig nicht und mit einem Grinsen im Gesicht. Der Plan: Marrakech und dann los.

Man hatte uns vorgewarnt. In Reiseführern. Leute, die schon vor uns dort waren. Das deutsche Konsulat. Die Nachrichten. Der Papst. Der Ruf, der diesem Land voraus eilt, kann nicht verhindern, dass wir unsere Füße auf marokkanischen Boden setzen. So recht wollen wir diese Schauermärchen nicht glauben. Das wird schon alles glatt laufen und ein grandioser Urlaub. Von wegen Kulturschock, Klimakollaps, Menschenmassen. Meine Güte. Das hört sich ja immer schlimmer an. Aber was soll denn schon passieren? Wir wollten Abenteuer. Was dieses Land dann für uns bereit hält, passt nicht einmal annähernd auf eine Kuhhaut. Geschweige denn auf eine Kamelhaut. Schon eher in die unendlich Weiten der Asphaltbänder von Marokko, auf dem wir unsere Spuren hinterlassen. Und zwar tüchtig. Der Dacia Sandero von Hertz ist der Stift. Wir drehen am Lenkrad und schreiben munter drauf los.

Zu allererst haben wir gemerkt, dass es keine vernünftige Vorbereitung gibt, die uns so manch kuriose und brenzlige Situation erspart hätte. Niemand kann dich vor der Dreistheit der Händler in den Souks von Marakech warnen oder sie auch nur annähernd in Worte fassen. Man wird einfach eiskalt und staubtrocken überrumpelt. Nein sagen hilft nicht. Vehementes Kopfschütteln bestärkt die Händler, deren Cousins, deren Kinder oder Frauen nur noch mehr, für Geld Hilfe aufzudrängen. Überall wird Ware feil geboten. Nahezu alles Vorstellbare und Unvorstellbare kann an tausenden Ständen gekauft werden. Verhandelt wird mit harten Bandagen. Viele sagen: Es ist ein Spiel. Verliere niemals dein Lächeln. Wir haben eher den Eindruck, dass es harte Arbeit denn leichtes Vergnügen ist. Aber heißt es nicht so schön: „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“?

Fliegende Händler, Gaukler, Esel, kleine Jungs, die mit selbst gebastelten Spielzeugen durch die verwinkelten Gassen toben. Dazu kommt eine Geräuschkulisse wie in einem Wespennest. Überall brummt es. Die Luft flimmert nicht nur vor Hitze, sondern auch vor Leben. Es riecht nach Abgasen tausender alter Mercedes-Taxen, zehntausender Zweitakt-Roller und hunderttausender Menschen. Qualm und Rauch von der Holzkohle und gegrilltem Fleisch schwängert die Luft. Es ist kein Platz für Sauerstoff. Es staubt, die Luft ist zum Schneiden. Wir müssen hier raus für den Moment. Und das dauert eine ganze Weile. Marrakech dehnt sich über eine Weite Fläche. Aus der Medina heraus fahren wir durch die Neustadt, an Vororten vorbei, die sich immer mehr zu einzelnen, verlassen Gehöften verwandeln und irgendwann von bizarrer Vegetation abgelöst werden. Felsen formieren sich und stehen an der Straße Spalier, als wollten sie den Weg weisen.

Nach einer langen Linkskurve wird der Horizont mit einem Male blau. Möwen ziehen ihre Kreise, der Wind bläst in Böen landeinwärts und der Atlantik rauscht in Wellen an den Strand von Essouira. Hier geht alles einen Schlag gemächlicher. Touristen werden weniger als Jagdgut betrachtet und auch sonst schalten die Leute einen Gang zurück. Uns begegnen lächelnde, freundliche und ehrliche Gesichter. Gut. Bis auf eine Ausnahme: Am unfassbar weiten Strand des Atlantiks ziehen Höckertiere ihre Bahnen. Wild lebend möchte man meinen. Doch beim Zücken der Kamera zum Festhalten der überaus entspannten, fast treudoof grinsenden Kamele kommt von irgendwo ein Mensch, der den wilden Eindruck macht, der Besitzer der Tiere zu sein. Wir knipsen und machen uns aus dem Staub.

Und tauchen wieder ein in den Tumult der Straßen Marrakechs. So langsam gewöhnen wir uns an die Gerüche und kontern plumpe Geschäftemacherei mit einem souveränen „Non merci“. Geht doch. Vielleicht liegt es auch am sensationellen Essen, das uns im Riad kredenzt wird, aber als wir am frühen Morgen noch mitten in der Nacht in Richtung Atlas aufbrechen, fühlt sich das alles sehr entspannt an. Rund 70 Kilometer hinter Marrakech beginnt der Aufstieg in die bedrohlich dunklen Berge. Der Dacia schraubt sich in den Serpentinen überraschend spielerisch nach oben. Kurve um Kurve geht die Sonne ein Stückchen mehr auf. Ständig ändern sich die Farben der Felsen: tiefes Blau, kalkiges Weiß bis hin zu staubigen Braun- und Gelbtönen. Bis wir auf dem Dach der Welt ankommen, zeigt die Uhr frühen Nachmittag. Es ist kühl hier oben. Und so unendlich weit, dass es nicht in Worte zu fassen ist.

Die Wüste kündigt sich an. Zwischen riesigen Felsbrocken spielt der Wind mit feinstem Sand und verweht die Straßen. Durch fruchtbare Täler, gesäumt von Dattelpalmen, zieht sich die Route bis nach Merzouga. „Welcome to the Desert“ steht auf vergilbten Blechschildern. So werden wir auch in einer Bar begrüßt. Und auch nett lächelnd (oder trifft es spottend eher?) gefragt, ob es unser Ernst sei, mit einem Dacia ins Erg Chebbi fahren zu wollen. Ja sicher das.  Also los. Die Straße in die Sahara endet im Nirgendwo. Links uns rechts kann auf halbwegs befahrbare Pisten ausgewichen werden. Irgendwann hält uns ein Motorrad an. Sein Fahrer möchte wissen, wo wir hinwollen und ob es unser Ernst sei, mit dem Dacia ins Erg…Moment. Ja klar ist das unser Ernst. Also los. Das Motorrad vorneweg, wird der Sandero seinem Namen gerecht und pflügt über die Pisten der alt-ehrwürdigen Rally Dakar, mutiert dabei zum Toyota Land Cruiser und bringt uns zum Wüstenhotel. Kinderspiel. Wir grinsen und sind sprachlos. Da ist sie. Die Sahara.

Auf den rund  600 Kilometern des Rückwegs begleiten uns zuerst Sandstürme, die die Straßen unter sich begraben. Den Weg finden wir auch so. Es geht einfach stundenlang geradeaus. Als der Atlas immer näher kommt, schieben sich die Berge wie Wächter aus dem Boden. Sandkörner werden zu Felsen, draußen ist es heiß und kurvig. Zweimal werden wir von der Polizei angehalten. Zu schnelles Fahren (Wo war jetzt gleich das Ortsschild?) und Überholen bei durchgezogener Linie (Wo war jetzt noch einmal die durchgezogene Linie?) werfen die Beamten uns vor. Doch statt einer saftigen Strafe folgen gütig gemeinte Ratschläge: „Don‘t ever do that again and enjoy your vacation.“ – Thank you, Sir. Und setzen unseren Weg fort. Nach fast elf Stunden klopfen wir an der Tür zum Riad La Maison Rouge, klopfen den Sand aus den Schuhen in unsere Träume.

Marokko ist ein Land voller Gegensätze. Die Schere zwischen arm und reich spreizt sich zum Spagat. So hektisch, laut und bunt es in den Städten zugeht, so menschenleer, still und ursprünglich können wir manchen Landstrich im Atlas kennen lernen. Tradition und Moderne buhlen um Aufmerksamkeit. Und bilden eine temperamentvolle Mischung. Die Straßen der Medina von Marrakech platzen aus allen Nähten. Hier steht ein Esel seelenruhig vorm Porsche Panamera und beide wirken vor der Kulisse des Herrscher-Palastes dermaßen deplatziert als stammten sie jeweils aus einer völlig anderen Zeit. Der König von Marokko, Mohammed VI, ist einer der reichsten Männer der Welt während geächtete Frauen samt kleiner Kinder ihr Dasein auf der Straße fristen, weil es keine staatlichen Hilfen gibt. Dennoch wird viel in die Infrastruktur investiert. Überall wird gebaut als Zeichen des Aufbruchs. Das Land steckt voller Dynamik, überholt sich jeden Tag aufs Neue und versucht dabei seine Traditionen zu bewahren. So viele Eindrücke prasseln auf uns ein. Es bleibt keine Pause zum Luft holen. Aber so haben wir auch gar keine Zeit, uns mit Alltäglichem zu beschäftigen. Wir erleben unser Abenteuer. Weil wir es so wollten. Seht ihr unser Grinsen?

Wie das geht? www.hertz.de

Dacia Sandero
75 PS am Atlantik
7,5 PS irgendwo im Atlas
133 Stundenkilometer
6.9 Liter „Sans plomb“ (Super Bleifrei)/100km
Radio
Sitze
Lenkrad
Kupplung
Bremsen

 

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