_Geben wir uns die Hafenkante.

Wasser wirkt anziehend und beruhigend. Zwei von vielen Gründen, die uns dazu bewegen, an die Wasserkante zu pilgern. Bei schickem Wetter ist die Düsseldorfer Rheinpromenade ein Schaulaufen der Frischvermählten und Langgeliebten. Freunde treffen sich hier um Fremde zu gucken und ihren Blick in der Ferne zu versenken, wenn die Rheindampfer langsam hinters Kraftwerk Lausward gleiten. So gemächlich wie die Sonne über Oberkassel untergeht.

Genau das macht Düsseldorf zu einer der lebenswertesten Städte, die in Deutschland aus dem Boden ragen. Facettenreich, vielschichtig und nah am Wasser gebaut. Wie der ständig wachsende und wieder schwindende Pegelstand des Rheins ändert auch die Stadt andauernd ihr Gesicht. Hier werden Geschichten auf Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Japanisch, Türkisch und auf International erzählt und ausgetauscht. Regelmäßig bieten sich neue Perspektiven und Hintergründe. Ein Fortschritt immerfort der sich wunderbar festhalten lässt. Fokus, Feuer!

Ein alter neuer Bekannter steht auf dem Parkplatz an der Speditionsstraße. Der Range Rover ruht groß und satt auf der Schotterfläche. Eine tiefschwarz glänzende Trutzburg auf vier matten Alurädern lässt an eine spektakuläre Nacht eine Woche zuvor denken und mich grinsen wie ein kleiner Schuljunge, der seine Zuckertüte glücklich in den Händen hält. Warum eigentlich? Range Rover gibt es in Düsseldorf wie Löcher auf Golfplätzen. Aber dieser hier hat einen kleinen aufgeklebten Hinweis: Range Rover Evoque Style Award. Gewinner. Immernoch.

Keine hundert Meter weiter reckt sich uns ein Neunelfer-Popöchen ins Weitwinkel. Er hat ein braunes Verdeck und einen Lack, der zwischen dunklem Lila und Nachtschwarz hin und her schwankt. Ähnlich wie mein Geschmacksverständnis, das sich fragt, ob es diese Kombination nun guten Gewissens akzeptieren kann oder ob der Elfer dringend einer Folierung bedarf. Ich spiele kurz mit dem Gedanken, eine Hilfsorganisation zu gründen, die sich um verunglückte Lacke kümmert.

Und lasse es bleiben. Es fehlt die Zeit und es gibt schwerwiegendere Probleme als verunglückte Farbkombinationen. Schneiden beim Rasieren, Trockenes Toastbrot, Katzenhaare auf Sofadecken, Katzenhaare am Hosenboden, mit Chlor gebleichtes Papier, Waldbrände, niedrige Wasserstände, Dürre, Hungersnöte, das Schmelzen der Polkappen, das Versiegen des Golfstroms, den Golfkrieg, den Nahost-Konflikt und Mummar al-Gaddafi. Auf eine Tüte gedruckt hält er die Klappe. Na immerhin.

Geht es denn mit dem scharf stellen? Ach ja klar. Wird schon. Mit ein bisschen Übung sind die russischen Gläser durchaus dazu zu überreden, ein wenig und auch viel Licht durch den Adapter ins Gehäuse zu lassen. Und sogar so gut, dass etwas zu erkennen ist. Wir sitzen am alten Handelshafen zu den Füßen der Flossis von Rosalie. Das sind Kunststofffiguren, die an der Fassade herumklettern und ihre Stadt von oben betrachten. Und sie müssen dazu noch nicht einmal durch ein Fenster schauen. Jetzt wird langsam das Licht dämmrig. Und die Sonne verschwindet feurig gelb hinter den windgetriebenen Wolken über Oberkassel. Machen wir uns auf den Weg.

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