_Schweizer Käse

Wer sich zu früh zu arg freut, dem macht die Autovermietung einen gewaltigen Strich durch die Rechnung. Man könnte die streikenden Lokführer dafür verantwortlich machen, den unzureichenden Winterdienst, die abnorm hohen Spritpreise oder die Beschilderungspolitik an deutschen Tankstellen, dass ich eine Laune an den Tag lege, dass Stalin als Suppenkasper durchginge. Auf jeden Fall haben all diese eben genannten Faktoren einen gehörigen Einfluss auf den Winkel meiner Augenbrauen, die ein ausgeprägtes „V“ des wuterfüllten Blickes bilden, als ich in die Schweiz einfuhr. Dennoch, ich weiche nicht vom Ziel ab, denn ich habe eine familiäre Mission zu erfüllen. Meine Schwester besuchen und ihr ein Stückchen heimatliche Gefilde wieder nahe bringen. Sonntag Nacht werde ich zurück fahren und meinen Standpunkt was  das Auto angeht ein wenig überdacht haben.

Donnerstag morgen. Ich wache auf wie von der  frühwechseljährigen Bundeswehrgenerälin persönlich geweckt. Es erschrickt mich, dass ich im Bett liege und ich immernoch nicht voller Vorfreude unter der Dusche stehe und mir ausmale, welches Gefährt mich an diesem Wochenende in die Schweiz bringen würde. Nein, darüber zu phantasieren hatte ich in den letzten Wochen genug Zeit verbracht. Es ist alles vorbereitet, die Taschen sind gepackt, die Gastgeschenke besorgt und die Blase entleert. Ich steige in die  Bahn zur Hertz Autovermietung  und wäre auch am liebsten mit ihr zurück ins Bett gefahren. Denn traumatisiert von der Diskussion mit dem Mitarbeiter halte ich, heulend im Geiste, einen Schlüssel  der Marke Ford in der Hand. Okay. Nicht so wild, wird sich einer denken. Was ist daran so schlimm? Wer mich kennt, weiß, dass damit eine Welt zerbrach,  meine Seele war nun ein Bürgerkriegsszenario am Rande des Systemkollapses irgendwo in Westafrika.

Ich steige ein, fahre los und male mir nicht aus, dass alles etwas Gutes haben müsse. Sogar recht passabel.  Ich meine immerhin hat es geschneit,  die Straßen sind voller Matsch und ich habe ein Auto mit Winterreifen, einer Heizung und Frontscheibe. Und einem Radio. Doch wirklich, das Fördchenlein hat ein Radio! Unfassbar. Wir halten kurz an der Grafenberger Allee. Ein Traum in Schwarz mit Xenonkerzen und den schönsten Augenringen, die man für Geld als Extra bestellen kann, wird dort eingelöst. Und schon geht es in Richtung Alpen. Über die fränkische Furt, den  heideligen Berg, und den schwarzen Wald. Deutschland, du Wintermärchen.

Es schneit noch immer, als ich an der Shelltankstelle einen Boxenstopp einlege. Dem süßen Dieselchenlein dürstet es sparsam nach Nachschub für seine kleinen Brennräumchenlein. Ich tanke. Dass die Tankstelle an der Autobahn liegt, dass es die einzige freie Zapfsäule ist, vor der keine meterlange Blechschlange aus Autos steht, macht mich zunächst nicht stutzig. „Ultimate Power.Kraftstoff.Zapfschnellsäule“ steht da auf einem Schild (In Klammern nur für Ferrari und deren Besitzer bezahlbar). Das lässt mich dann aufhorchen und meine Glanztat verachtend in der Lächerlichkeit  der knapp 30 Cent Aufpreis pro Liter zum „Fuel Save“- Diesel  zugrunde gehen. Riesig! Stark! Wenn meine Miet-Karre nun nicht gedopt wie Lance im Gelben zur Sache geht, dann prangere ich das an.

Meine Schwester spielt dem Himmel sei Dank Geleitschutz und holt mich im Tale zu Martigny ab. Wir brettern den Berg nach oben. Es ist wie ein Start im Flugzeug. Es geht heulend nach oben und die Lichter werden zu Spiel.Zeug.Feuerzeugen. Das Dieselchen bemüht sich redlich, dem großen Ford.Bruder.Kuga  zu folgen und scheitert beinahe kläglich. Ich trete und trete das Pedal fast durchs Blech und irgendwann schafft er es sogar. Höchste Höhenmeter Erstaunlich.Wir schauen nach unten. Da sind sie die französischen Lichter in der Schweiz. Es liegt Schnee, es ist kalt und Parken lässt die Handbremse am Hang auf dem letzten Zahn klappern. Ski fahren werden hier andere, wir nicht, denn wir sind da eher die Wanderer.Naturen, denn da  geht´s wenigstens bergauf.

Als ich überschwenglich mit reichlich butzen begrüßt werde (Frauen und Kinder zuerst, Männer nicht) bin ich überrascht, wie wenig gut ich französisch spreche. Da kannst du dir noch so viel vorher zurecht legen und tun und machen und alles in dein kleines Buch namens Gedächtnis schreiben aber dann stehst du da und kannst nichts. Niente. Rien ne vas plus. Aber mit Händen, Füßen und mit dem reichhaltigen und tierisch guten Französisch meines ganz persönlichen Wochenend-AuPairs kann ich dann doch einiges erzählen. Und es macht Spaß. Probiert´s aus.

Freitag sind wir mit dem Kleinen unterwegs. Wir meinen, er ist wie ein kleiner Hund und müssen ihn irgendwie dazu bekommen, beim sportlichen Gang durch das Dorf einen Schritt vor den nächsten zu setzten, ohne dass er ständig an liegen gelassen Milchtüten nuckelt oder an Hausecken schnüffelt. Eine Methode bewährt sich sehr rasch mit Matsch: Man forme eine Kugel Schnee, lasse sie fünfzehn Meter von ihm fallen und rufe seinen Namen. Ungefähr so: „Leeeeeniii!“ Da kommt er angerannt und springt mit Anlauf in den schmelzenden Eishaufen Patsch.Patsch!Patsch.Patsch!

Am ersten Tag des Wochenendes machen wir uns zu einer kleinen Spritztour auf. Mit einem kleinen Zwischenstopp in Montreux am Genfer See erreichen wir im Laufe des Abends Lausanne. Eine Stadt wie für einen Mittel.Alter.tümlichen.Film gebaut. In mehreren Ebenen angelegt schmiegt sie sich steinern und gedankenschwer an die  Berge.  Wie eine betrunkene Frau auf der Suche nach Liebe, die sie doch nicht findet, weil sie nur benutzt wird. Passend regnet es in Strömen und Menschen, Frauen wie Männer, betrinken sich zuerst und prügeln sich dann auf der Straße. Ein niederträchtiger Volkssport. Jetzt sind wir froh in einem aus ehrlichem Blech geformten Auto zu sitzen. Warm und trocken, ohne dass wir uns Sorgen machen müssen. Braver, mutiger kleiner Ford. Bringt uns wohlbehalten nach Hause. Er ist wie ein kleiner Junge, ein kleiner Bernhardiner, der sich unbeholfen aber bestimmt für dich einsetzt. Ein treuer Begleiter. Denn manchmal ist es nur genau das, was zählt. Glamour können andere, im rechten Augenblick unscheinbar und stoisch einfach nur da zu sein, nur wenige.  Es ist Sonntag Nacht und ich bin vielleicht fast ein bisschen froh im Auto zu sitzen, das mich einfach nur wie von alleine nach Hause fährt.

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