_Jeden Tag ’ne Karte. Route 66.

Postkarten kannst du nicht im Auto schreiben. Entweder musst du selbst fahren oder es wackelt einfach zu sehr. Trotzdem machst du es, weil du weißt, dass du dich später an das Geschriebene erinnerst. Verkatert von der Nacht und kurz vor Sonnenaufgang schiebst du deinen müden Hintern auf den Fahrersitz und stellst den Wahlhebel auf D. Es geht in Richtung Osten und der Liter Kaffee aus dem DriveIn dampft in den Cupholdern. Sonnenbrillen-Freeride auf der Interstate zwischen Truckern, anderen Frühaufstehern und Gar-Nicht-erst-schlafen-Gehern. Aus dem Radio trällert Sheryl Cole: „Leaving Las Vegas. Leaving for good.“ Na das kann ja heiter werden.

Die Straße führt uns über den Hover Damm. Wir sind nun in Nevada und stellen unsere Uhren wieder eine Stunde näher Richtung Berlin. So bringen wir das Kunststück fertig, vor 10 Minuten losgefahren und doch schon seit über einer Stunde unterwegs zu sein. Wir sind schon ganz schön verrückt. Ich quatsche eine Policeofficer an. Er ist begeistert von meinem bescheidenen Englisch und erzählt mir, dass er Deutschland über alles liebt. Besonders Paris. Bonjour und High five sage ich und gebe dem Navi bescheid, dass es uns zur Route 66 bringt.

Gesagt, gefahren. Wir sind da und unterwegs auf der Route der Träume. Sie ist unscheinbar. An manchen Stellen schmal und ich bin mir unsicher, ob sie es ist. Aber untrüglich zeugen die Tankstellen aus vergangenen Tagen (die nun Souvenirshops sind) vom Ruhm der  Straße, auf der Harley seine Motorräder testet. Es kommt dabei auf den Klang an, die Lockerheit, die Freiheit, you know?

Die Freiheit. Sie ist geschrieben in Big Lettern und Big Blocks aus Corvettes und Co. Ich stehe da, es ist still und doch höre ich das Wummern aus acht Töpfen im Chor vereint. Sie singen ein Lied auf die Zeiten, in denen Benzin noch schwer verbleit und so leicht erschwinglich war, dass man LKW-Motoren in Autos baute, die kein ABS, ESP und eigentlich auch kein Fahrwerk hatten. Aber Swing, Alter.

Da ist so eine. Swing von außen und von innen. Eine Corvette in Coca-Cola rot. So süß wie das braune Zeug klebt sie sich dir in Gedanken fest. Kein Light und kein Zero. Nein, echt Zucker und heftig Koffein. So wie es sein soll. Wir stehen ehrfürchtig daneben, lauschen den Geschichten, die uns das Auto und ihr Besitzer erzählen. Er war damit in Florida, in NewYork, in L.A. Aber sie gehört hierher, auf die Route 66. Rock´n´Roll Baby. Es spiegeln sich die Kakteen im Lack und in seinen blauen Augen. Ob es stimmt, was er da vor uns zum besten gibt, weiß ich nicht. Aber es hört sich gut an.

Wie kurz fünfhundert Meilen werden können, kann ich nicht beschreiben. Zack!…trifft es vielleicht ganz gut. Wir fahren in den Grand Canyon National Park, zahlen den üblichen Obolus und suchen uns einen Parkplatz am Village Loop Drive. Ich hätte vermutet, dass wir vor lauter Touristen hier nicht einen Fuß vor den anderen bekommen würden. Doch es sind nicht die Menschen, die uns aufhalten, denn da sind nicht viele unterwegs. Es ist der Anblick, der uns vom Hocker reißt.

Ein Pfad führt hinunter bis zum Fluss. Der ist einen Tagesmarsch entfernt. Zu lang und zu wenig Wasser dabei. Jeder Beschreibung spottend liegt da ein Abgrund vor unseren Füßen. Vor tausenden von Jahren geschaffen und immer noch gräbt sich der kleine Silberstreif namens Colorado River stoisch wie ein Esel tiefer ins Gestein. Er hinterlässt ein Schauspiel, das uns Menschen in tiefer Demut vor der Schönheit unserer Erde sprachlos werden lässt.

Wir gehen ein Stück an der Kante entlang bis zu einer Stelle, die sich „The Abyss“ nennt. Als wir dort ankommen, weiß ich, warum. Ich sitze in der Sonne, da hinten regnet es. Unter mir ziehen schwarze Vögel ihre Bahnen. Sie leben hier. Ob sie sich an den Anblick gewöhnt haben? Ich kann es mir beim besten Willen nicht vorstellen. Es gibt Dinge, an die gewöhnt man sich. Aber nicht, wenn es sie nur einmal gibt.

Der Regen zieht zu uns herüber. Wir müssen zurück zum Auto. Wir wenden uns ab. Und halten in Erinnerung fest, wie sich ein Regenbogen von unten aus dem Fluss in einem Bogen bis zu den Wolken zieht. Die untergehende Sonne strahlt die Felsen glutrot an, Coke-Red, wie unser RAV4. Neben dem Toyota finden wir den wahrscheinlich besten V8-Sauger der Neuzeit. Zwar kein amerikanischer aber dafür mit reichlich Gänsehaut. Wenn er läuft. Ein schwarzer BMW M3 steht breithüftig und knisternd abkühlend vor dem alten Bahnhof. Die Tropfen auf seiner Haube trocknen dampfend wie der Kaffee heute morgen. Das Schild weist uns den Weg. One way back to Vegas. Und unterwegs irgendwo die Postkarte einwerfen.

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